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Ich erzähle hier in lockerer Folge von Momenten, die mir beim Ansehen von Fotos und Super-8-Acht-Filmen in Erinnerung bleiben werden.


1 - Schloss Linderhof, Bayern, 1963

Ich war sauer. Ich musste damals als 15-Jähriger mit in dieses Schloss von Ludwig II. Es passte mir gar nicht!

Ich wollte lieber in den von mir in einem Zeitungskiosk geklauten, jawohl geklauten, zwei Pornoheftchen („Gondel“) in meinem Zimmer des Gasthofes in Garmisch „blättern“.

Man kam nicht anders an so etwas dran. Kürzlich konnte ich in einer Zeitschrift lesen, dass 90 Prozent der 14-Jährigen Jungen und 80 Prozent der 14-Jährigen Mädchen mehrmals wöchentlich Pornofilme sehen.

Man kommt heute anscheinend an so etwas eher dran.

Der Tipp: „Erotikjournal Gondel“ bei Google Bilder eingeben. Herrlich!



2 - Offenbach, meine 1-Zimmer-Wohnung, 1972

Das war damals eine meiner Freundinnen. Nein, die Aufnahme ist nicht mit einem iPhone fotografiert und mittels Instagram-Filter „Hefe“ oder „Toaster“ bearbeitet worden.

Wir befinden uns im Jahre 1972. Ich war einfach zu aufgedreht und habe die Entfernung manuell nicht hinbekommen. Die „ekeligen“ Bücher sind stattdessen „scharf“ geworden.

Moment, ja doch, die Antibabypille gab es schon, aber Achselhaare, Körperbehaarung, hatten noch alle.

In einem Artikel in einer Zeitschrift konnte ich lesen, dass „der Kampf gegen die Körperbehaarung die Intimzonen auch bei Jugendlichen erreicht hat“.

Der Tipp: Einmal fünf, sechs Tage nicht duschen, dann wird man olfaktorisch in den70-zigern versetzt.


3 - Verkehrszählung Frankfurter Kreuz 1972

Es gab wohl damals für die Verkehrsentwicklung keine Visionäre. Also erfassten Studenten, so auch Freunde und ich, fünf Tage und Nächte das Verkehrsaufkommen am Frankfurter Kreuz.

Wir saßen in meinem 2CV mit 23 PS. Höchstgeschwindigkeit 100, mit Rückenwind eventuell knapp 120 km/h und machten pro vorüberfahrendes Fahrzeug einen Strich.

Ach, die junge Frau neben mir. Ihre Vita kann ich sehr gradlinig erzählen: Sie hatte später Erfolg gehabt, sehr viel Erfolg. Wenn ich mir heute den 2CV so anschaue, weiß ich, warum es nicht „geklappt“ hat.

Der Tipp: Eine Woche mit der Richtgeschwindigkeit 120 km/h fahren. Schon einmal einüben, eine Begrenzung wird kommen.

Und, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Toll, richtig gesehen: meine beigen Clarks Desert Boots aus Wildleder mit Gummikreppsohlen. In den sechziger und siebziger Jahren war dieser Schuh in alternativen Kreisen und im subkulturellen Milieu populär.

P.S.
Der Ausbau der Autobahn von vier über sechs auf heute acht Spuren hat nur insofern etwas geändert, als dass dadurch die Staus breiter wurden.


4 - Frankfurt 1973, Mendelsohnstraße, Hausbesetzerszene

Ich sah einige kürzlich bei einer Vernissage in Frankfurt. Es waren auch Frauen da, die ich kannte. In ihren Hausbesetzerjahren waren ihre Gesichter massenhaft schwarz durch viel Kajalstift um die Augen. Von drei hörte ich heraus, dass sie im Westend in Lofts wohnen.

Alle trugen nur dezentes Make-up und lachten laut. Sie hatten wohl die richtige Fakultät gewählt, bzw. ihre Ehemänner. Nicht wenige der gealterten Draufgänger von damals hatten blaue, grüne und rote Hosen an.

Doktor dick und Doktor doof waren auch gekommen. Und alle kannten natürlich den Daniel Cohn-Bendit, den Daniel und den… und die… und erzählten Ich-war-dabei-Geschichten. Sie waren ja damals auch dabei und schielten bei den Ich-war-dabei-Geschichten zu den jüngeren der anwesenden Frauen, denn das sollte jetzt bitte schön jeder wissen.

Der Tipp: Die Bockenheimer Landstraße einmal hoch und runter laufen. Hausnummer 93.

Im Keller des Hauses fanden die verrücktesten „Veranstaltungen“ statt. Gehen auch vorbei an der Siesmayerstraße 4. Damals ein besetztes Haus. Es wäre, wie viele, ohne den damaligen Widerstand abgerissen worden.

Früher waren die Nächte echt wilder, total verrückt, anders, wahrhaft exzessiv. An Details will ich mich lieber nicht erinnern.






5 – Passignano Sul Trasimeno, Perugia, Italien, 1973

Meine Freundin hieß damals Birgit, - heute heißt sie Birgit Bargeld. Wir „unterrichteten“, wir versuchten es zumindest, entlohnt vom italienischen Generalkonsulat, italienischen Kindern in der Sophienschule in Frankfurt-Bockenheim Deutsch beizubringen.

Ein „Surplus“ war ein vierwöchiger Italienischkurs an der Università per Stranieri di Perugia plus 500 Deutsche Mark (heutige Kaufkraft 1.000 Euro!).

Mi scusi la lingua, la parlata. Scusi il mio italiano. L’accento, che non se ne va. […]

Jedenfalls, nachmittags fuhren wir, wenn nicht nach Assisi… Richtung Lago Trasimeno nach Passignano sul Trasimeno an den Bootssteg der Univertità und schwammen … und tranken dort auch (hier könnte „reichlich stehen“, respektive, man sieht es) Landwein.

Der Tipp:
Fahren Sie, wenn Sie in dieser Gegend sind (wenn Sie sich schon keinen Lamborghini leisten können), wenigstens zum Weingut Lamborghini Patrizia.
Das Anwesen wurde von Ferruccio Lamborghini 1971 gekauft. Es liegt an der Südseite des Lago Trasimeno.

Und unbedingt: Eltville im Rheingau und Passignano sul Trasimeno sind Partnerstädte.
Gehen Sie zum Eltviller Weihnachtsmarkt im Hof des Weingutes Langwerth von Simmern.
Dort befindet sich traditionsgemäß ein Stand des Partnerschaftsvereins aus Passignano.
Sie sollten den angebotenen Wein, das Olivenöl kaufen.


6 – Skihütte Lenzerheide (1484m), Graubünden, Semesterferien 1973

Das hängt doch jetzt nicht wirklich da. Doch, ich nahm tatsächlich ein Karl-Marx-Poster mit in die Skihütte und wir posierten uns auch noch davor.

– Wir lasen Marx, Kant und hackten Holz. Okay, wir fuhren vor allem Ski – Aber, was war die Botschaft, die Idee?

Um es 40 Jahre später in Facebook zu präsentieren? Wohl kaum.

Wir verstanden uns als links, linker ging nicht. Schlimm war das nicht.
"Wer mit 20 nicht Sozialist ist, hat kein Herz, wer mit 30 noch Sozialist ist, keinen Verstand", sagte einmal der italienischen Philosophen Benedetto Croce.

Wir waren damals alle unter 30.
Das Wort "Trotzdem" könnte hier stehen, denn im Nachhinein war es eine Anmaßung, geradezu absurd oder was für eine unfassbare Verschwendung von Energie das war, stellte ich erst leider später fest. Vorbei!
Rechts und? Ja richtig, die Ski waren zwei Meter zehn. - Meine heutigen Ski sind 1,64 Meter!
Alles fließt! sic!

Der Tipp: Mainz Hauptbahnhof, ab 07:46 Chur, Bahnhofplatz, an 13:46, sechs Stunden! Mit dem Postbus nach Lenzerheide. Tageskarte, Wochenkarte und „rauf“ aufs Rothorn.


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